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Mittwoch, 16. November 2016

Das Bauernopfer im Fall Lunghi/RTL (LU)

Eine FRAGE vermisse ich in der hitzigen Debatte um den Fall Schram/RTL: WIESO hat RTL eigentlich das gesamte Rohmaterial des Interviews (►hier anschauen) veröffentlicht?

Aber der Reihe nach: In dem ausgestrahlten, also geschnittenen (!) „Nol op de Kapp“-Beitrag ist zu sehen, wie Museums-Direktor Enrico Lunghi das Interview mit RTL-Reporterin Sophie Schram durch einen unsanften Griff ans Mikro/ihren Arm (nicht eindeutig) abbricht. 10 Tage später lässt sich die Reporterin wegen Prellungen krankschreiben – Star-Anwalt und Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung, diese wird nach einer Entschuldigung fallen gelassen. Lunghi erklärt seinen Rücktritt. Die Luxemburger Journalistenverbände sind schockiert und unterstützen Sophie.

+++ Das ist aber nicht der eigentliche Skandal – sondern in meinen Augen das „Krisenmanagement“ von RTL, das ein erweiterter, medialer Suizid ist +++

Screenshot: rtl.lu

Laut RTL wurde das Rohmaterial des Interviews von Internen für Untersuchungen beantragt. ABER: „Weil das Ausmaß der Folgen dieses Zwischenfalls immer größer wird und zum Teil heftig in den Medien und den Sozialen Medien diskutiert wird, hat RTL entschieden, auch dem Publikum die Rushes zugänglich zu machen“ [Zitat aus dem Luxemburgischen übersetzt]. Und nun wirft genau dieses Rohmaterial plötzlich ein anderes Licht auf den Fall.

Zu sehen ist eine hartnäckige Sophie Schram, die über 15 Minuten lang (und da muss ich den Kritikern recht geben) zu sehr wie eine Managerin der von Enrico Lunghi abgewiesenen Künstlerin auftritt. Bis er ausrastet - was unter keinen Umständen zu entschuldigen ist. Jedoch verlagert sich die Wut des Zuschauers daraufhin ganz selbstverständlich auf die Reporterin. Auf die „inkompetente“ „'Journalistin'“, die „gezielt provoziert“ hat [häufige Zitate aus User-Kommentaren].

Es war klar, dass Sophie Schram mit der Veröffentlichung des Rohmaterials zum „Bauernopfer“ wird. Der Mitschnitt zeigt, dass ihr Interview fachlich sowie zwischenmenschlich problematisch ist. Die Frage, die sich jetzt stellt: WIESO lässt sie sich von RTL derart vorführen?

Und weiter: Die Veröffentlichung ist ein gefundenes Fressen für die „Lügenpresse“-Fraktion, die sich mit dem Schnitt des ausgestrahlten Beitrags „belogen und betrogen“ fühlt. Probeaufnahmen vom Kameramann werden als „unnötige, ekelhafte Nahaufnahmen“ und „heimliche Mitschnitte“ „identifiziert“ usw. Man kann nicht davon ausgehen, dass Branchen-Outsider wissen, wie viele Schnittbilder einer Interaktion aus anderen Perspektiven gemacht werden müssen, damit ein TV-Beitrag nachher nicht aussieht wie bei SchülerTV – und diese Bilder können nicht während des „eigentlichen Interviews“ entstehen, wenn nur ein Kameramann vor Ort ist. Das weiß und sieht auch der Interviewpartner. Der meist eh unbrauchbare Ton von diesen Perspektive-Bildern kommt weg, sie werden während des Gesprächs eingeblendet, damit es für die Zuschauer nicht langweilig wird. RTL hat Rohmaterial veröffentlicht, und da ist dieser Ton natürlich drauf.

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Von RTL fehlt bisher jegliche nachvollziehbare Stellungnahme zu diesem für die Branche sehr ungewöhnlichen Schritt, der eigentlich jeder Grundlage der Pressefreiheit entbehrt. Falls, und nur FALLS es RTL irgendwie bedauern sollte, dass man auf die PR-Masche einer frustrierten Künstlerin reingefallen ist und das jetzt versehentlich einen Museums-Direktor den Posten gekostet hat – dann gibt es doch andere Wege, das zu klären. Eine Reporterin, eine Mitarbeiterin (egal ob frei, Praktikantin oder was-auch-immer) ans Messer zu liefern, ist echt das ALLERLETZTE. Und sei es auch ein abgekartetes Spiel – hiermit fällt der Ruf eines Berufsstandes, ist euch das bewusst?

Und genau DAMIT sollten sich die Luxemburger Journalistenverbände in erster Linie beschäftigen.

Dieser unsägliche „Nol op de Kapp“-Beitrag in seiner Endfassung hat nicht diese Sophie Schram alleine verbrochen. Sie ist Teil davon, Teil eines Teams, Teil eines Unternehmens. Es gibt immer Aufraggeber, Leute die die Story annehmen, die Umsetzung anordnen, den Off-Kommentar dazu schreiben, den Schnitt betreuen, den Beitrag vor der Ausstrahlung absegnen. Und DIE sollten alle zusammenhalten, EGAL was passiert, denn sie haben sich zusammen für die Geschichte entschieden.
Wieso begehen RTL Lëtzebuerg, das Team, Marc Thoma und Sophie Schram medialen Selbstmord?
Ja sogar erweiterten Suizid, indem sie der Lügenpresse-Debatte in der Luxemburger Medienlandschaft neuen, absolut unnötigen Stoff geben? Dazu würde ich gerne Stellungnahmen lesen – und zwar von den Beteiligten selbst.

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UPDATE (25.01.2017): ►Murphy's Law

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ganzkörper-Message an Bento.de


Liebes bento-Team, ich muss leider auch öfters würgen, wenn ich diese Artikel lese. Klar, soll ich's doch einfach lassen. Aber so als Irgendwieauchjournalist und Befürworter jeglicher Formen des experimentellen, innovativen Storytelling tue ich das halt trotzdem (müsste als Argument reichen, mehr Objektivität bekommt man bei euch ja auch nicht, wenn es um "Frauenkram" und ‪‎Feminismus‬ geht).

Jetzt mal ehrlich: Auch wenn diese Artikel sicherlich wahnsinns Höhepunkte in die Klick-Statistik schieben, die Soße landet doch voll in eurem Gesicht. Ihr habt echt so einige Talente in eurer Redaktion, die schwierige sowie unterhaltsame Themen sehr gekonnt und kreativ aufarbeiten. Befleckt die doch bitte nicht mit solcher Egowichse, denn genau die bleibt schlussendlich beim Leser (sauer im Hals) hängen.

(P.S. bento ist "das neue Angebot für junge Leute - mit Nachrichten, berührenden Geschichten und Unterhaltung aus dem Web" von SPIEGEL ONLINE, deshalb die Hitzewallungen)

Donnerstag, 19. November 2015

#JeSuisChien - Un chien haletant

Die Sozialen Netzwerke sind eine Spielwiese. Für Menschen, von Menschen, mit Menschen (und Maschinen). Wir teilen Emotionen im Überfluss und werden bestenfalls in diesen bestätigt und bestärkt. Like, Love, RIP. Es gibt jeden Tag irgendeinen Grund, sich für irgendetwas zu engagieren und irgendwelche Symbole in sein Profilbild einzuarbeiten.

Beunruhigend wird es jedoch dann, wenn Leute, die gestern noch eifrig jeden Grenzgedanken verteufelt haben, heute ihr Profilbild mit den Farben der Grande Nation überziehen. Beunruhigend wird es dann, wenn ein toter Köter benutzt wird, um ein Hash-Akronym (‪#‎JeSuisCharlie‬) aufzubrechen, dieses ins bodenlos Lächerliche zu verdrehen, und es kaum jemand merkt.

Willst Du flüchtige Anerkennung, oder willst Du wirklich überzeugen? Geht es um Dich, oder um die Sache? Willst Du etwas bewegen, oder willst Du etwas verkaufen? Dann lass Dich nicht zum Spielball machen. Irgendwo sitzt immer jemand, der die Aktion "erfunden" hat und ggf. sowas denkt wie ‪#‎LeiderGeil‬. Nur ‪#‎LeiderScheiße‬, wenn es dabei eigentlich um todernste Themen geht.

Pic: @BeNiHacH - das Blödeste was ich zu ‪#‎JeSuisChien‬ finden konnte und damit auch das Passendste.