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Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ganzkörper-Message an Bento.de


Liebes bento-Team, ich muss leider auch öfters würgen, wenn ich diese Artikel lese. Klar, soll ich's doch einfach lassen. Aber so als Irgendwieauchjournalist und Befürworter jeglicher Formen des experimentellen, innovativen Storytelling tue ich das halt trotzdem (müsste als Argument reichen, mehr Objektivität bekommt man bei euch ja auch nicht, wenn es um "Frauenkram" und ‪‎Feminismus‬ geht).

Jetzt mal ehrlich: Auch wenn diese Artikel sicherlich wahnsinns Höhepunkte in die Klick-Statistik schieben, die Soße landet doch voll in eurem Gesicht. Ihr habt echt so einige Talente in eurer Redaktion, die schwierige sowie unterhaltsame Themen sehr gekonnt und kreativ aufarbeiten. Befleckt die doch bitte nicht mit solcher Egowichse, denn genau die bleibt schlussendlich beim Leser (sauer im Hals) hängen.

(P.S. bento ist "das neue Angebot für junge Leute - mit Nachrichten, berührenden Geschichten und Unterhaltung aus dem Web" von SPIEGEL ONLINE, deshalb die Hitzewallungen)

Donnerstag, 19. November 2015

#JeSuisChien - Un chien haletant

Die Sozialen Netzwerke sind eine Spielwiese. Für Menschen, von Menschen, mit Menschen (und Maschinen). Wir teilen Emotionen im Überfluss und werden bestenfalls in diesen bestätigt und bestärkt. Like, Love, RIP. Es gibt jeden Tag irgendeinen Grund, sich für irgendetwas zu engagieren und irgendwelche Symbole in sein Profilbild einzuarbeiten.

Beunruhigend wird es jedoch dann, wenn Leute, die gestern noch eifrig jeden Grenzgedanken verteufelt haben, heute ihr Profilbild mit den Farben der Grande Nation überziehen. Beunruhigend wird es dann, wenn ein toter Köter benutzt wird, um ein Hash-Akronym (‪#‎JeSuisCharlie‬) aufzubrechen, dieses ins bodenlos Lächerliche zu verdrehen, und es kaum jemand merkt.

Willst Du flüchtige Anerkennung, oder willst Du wirklich überzeugen? Geht es um Dich, oder um die Sache? Willst Du etwas bewegen, oder willst Du etwas verkaufen? Dann lass Dich nicht zum Spielball machen. Irgendwo sitzt immer jemand, der die Aktion "erfunden" hat und ggf. sowas denkt wie ‪#‎LeiderGeil‬. Nur ‪#‎LeiderScheiße‬, wenn es dabei eigentlich um todernste Themen geht.

Pic: @BeNiHacH - das Blödeste was ich zu ‪#‎JeSuisChien‬ finden konnte und damit auch das Passendste.

Mittwoch, 9. September 2015

So sieht ein Flüchtligsbus aus.


Dieses Foto hat einen traurigen, ja beschämenden Anlass. Nicht wegen dem, was zu sehen ist, sondern wegen dem Kontext. Ich bin Social Media Manager und Webjournalistin beim Luxemburger Tageblatt und kämpfe, wie so viele in der Branche, seit einigen Wochen tagtäglich auf unseren Seiten gegen eine Flut von Hasskommentaren. In den vergangenen Tagen tauchten vermehrt Posts mit dem „Argument“ auf, dass Flüchtlinge respektlos und undankbar seien, haufenweise Dreck und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Diese Behauptungen werden mit Fotos aus offenbar „fluchtartig“ (!) verlassenen Camps und einer vollgemüllten S-Bahn illustriert.

Ich war heute beim Empfang der 42 Flüchtlinge, die in Weilerbach/Luxemburg aufgenommen wurden. Während sich Neuankömmlinge, Presse, Gemeinde- und Regierungsvertreter im Hof des Asylantenheims tummelten, versuchte ich mehrmals einen Blick in das Innere des Busses zu erhaschen - die Bilder aus den Hetz- und Hasskommentaren im Hinterkopf. In der Regel gehe ich spontan auf Leute zu und stelle ihnen die Fragen, die mir für die Berichterstattung wichtig erscheinen, auch wenn sie unangenehm sind. Aber wäre diese Frage moralisch vertretbar? Fragen, ob der Bus sauber ist? Eigentlich wäre das unterste Schublade. Ich rang einige Minuten mit mir selbst, dachte immer wieder an die Flut von Hasskommentaren und kam zu dem Schluss, dass es sein müsste, so „abartig“ es auch ist - weil man nur so, mit unanfechtbaren Gegendarstellungen aus dem tatsächlichen Alltag, gegen diesen hochgepushten, verklärten Bullshit ankommt.

Ich ging also zu den Busfahrern hin und meinte, dass ich eine „etwas heikle Frage“ hätte. Vielleicht nicht gerade professionell, aber wie leitet man ein solches Thema ein? Ich erklärte kurz meine Beweggründe und bekam eine prompte Antwort: „Ach, das war nicht anders, als wenn wir mit Reisegruppen in den Winterurlaub fahren. Man findet danach ein paar Plastikflaschen auf den Sitzen, packt die in den Müllsack und gut ist.“ Dann hielt er kurz inne und meinte: „Wobei, wir standen echt lange in Heidelberg und es hat ewig gedauert, bis wir los konnten. Die ersten waren um halb zehn im Bus, und das bis jetzt fast 20 Uhr. Für solch eine Zeitspanne ist das recht ordentlich.“ Der andere Busfahrer fügt hinzu: „Ja - eben das Übliche halt. Wenn die Leute Chips essen, dann krümelt das auf die Sitze.“

Ich frage, ob ich ein Foto machen darf. Ein Foto für all diejenigen, die meinen, dass Menschen auf der Flucht absichtlich und massiv Dreck und Zerstörung hinterlassen. Dies ist ein Bild aus einem Bus, der, nicht überfüllt, mit Menschen wie Dir und mir ein einziges Mal von Heidelberg nach Luxemburg gefahren ist.

Stellt euch die Frage doch mal so rum: Wie sieht der Sonderzug aus, nachdem er fünfzehnmal bis zum Bersten gefüllt zum Fußballstadion gefahren ist? Oder auch nur fünfmal hintereinander im Wochenendbetrieb mit der Partygesellschaft in die Innenstadt? Postet doch bitte Nahaufnahmen von den Sitznischen. Bierflaschen kullern durch die Gänge, Fastfood-Abfall wo man nur hinsieht und irgendwo findet man zu später Stunde immer auch Kotze. In dem Bus von Heidelberg nach Luxemburg war nichts zu sehen, was „WIR“ nicht auch hinterlassen hätten - sofern wir denn nüchtern und in überschaubaren Gruppen unterwegs sind.

‪#‎refugeeswelcome‬ ‪#‎Mundaufmachen‬